Dodekade
Im Jahr 2017 jährte sich Luthers Thesenanschlag, der als Anfang der Reformation gilt, zum fünfhundertsten Mal. In Basel/Baselland kam die Reformation offiziell erst 1529 zum Durchbruch. Bereits in den Jahren davor beeinflussten die Reformatoren der ersten Stunde und ihre Ideen die Gesellschaft. Die reformierte Kirche Baselland gedenkt dieser Epoche bis ins Jahr 2029 mit zwölf auf die Reformationszeit bezogenen Themenjahren. In dieser sogenannten Jubiläum-Dodekade*, die bis ins Jahr 2029 dauert, wird an regionale und lokale historische Ereignisse vor 500 Jahren angeknüpft, doch nehmen die Themenjahre vor allem Impulse der Reformation auf, welche bis in unsere Zeit reichen und für die Zukunft unserer Gesellschaft wichtig sind.
Die Themenjahre dauern jeweils vom Reformationssonntag, dem ersten Sonntag im November, des vorangehenden Jahres bis zum jeweiligen des Themenjahres.
1517 bis 1529
1517 bis 1529, 12 Jahre im Überblick (von Markus B. Christ)
Vielerorts wurde im Jahr 2017 das Jubiläum «500 Jahre Reformation» gefeiert, dies in Erinnerung an den Thesenanschlag Martin Luthers am 31. Oktober 1517. In unsrer Region waren damals schon Reformbemühungen in Kirche und Gesellschaft zu spüren, dies vor allem wegen drei wichtigen Geschehnissen, die einen Aufbruch markierten: Zum einen war es das Konzil in Basel (1431-1437, danach Fortsetzung bis 1449 in Ferrara und Florenz), zum andern wurde im Jahr 1460 die Universität Basel gegründet, und schliesslich war es die Einführung des Buchdrucks. In Basel wurden bei Johannes Froben alle bis 1520 erschienenen Schriften Martin Luthers gedruckt, 1523 erschien Luthers Neues Testament in der Basler Druckerei von Adam Petri, dem Nachfolger Frobens.
War bei Luthers Thesen vor allem der Ablasshandel ein Thema, so beschäftigten die Leute bei uns verschiedene kirchliche Vorschriften. Am 13. April 1522, Palmsonntag, also während der Fastenzeit, kam es zu einem Spanferkelschmaus im Klybeck- schlösschen in Basel. Den Bruch des Fastengebots begründeten die Teilnehmer mit der evangelischen Freiheit. Bei der Fronleichnamsprozession 1522 trug Wilhelm Reublin nicht die Reliquien, sondern eine Bibel. Er begründete dies mit den Worten: «Das ist das rechte Heiltun, das Andre sind Totenbeine.» Und 1523 war es Stephan Stör in Liestal, der durch die offizielle Verheiratung gegen das Gebot des Zölibats verstiess.
Nicht nur kirchliche Erneuerung verlangten die Einwohner auf der Landschaft, sondern auch soziale Reformen; zum einen ging es um die Zehntabgaben, die nicht mehr für den Klerus Verwendung finden sollten, sondern den Gemeinden und den Armen zugutekommen sollten, und zum andern um die seelsorgerliche Betreuung.
So kam es 1525 zu einem Bauernaufstand auf der Landschaft; die Untertanen verlangten die Predigt nach dem neuen Glauben, und das Farnsburger Amt wollte auch die freie Pfarrwahl. Als Folge des Bauernaufstandes erliess der Rat die sogenannten Freiheitsbriefe, die im materiellen Bereich den Forderungen gerecht wurden. Bei den reformatorischen Anliegen blieb allerdings alles beim Status quo. Nach dem Bau- ernaufstand und trotz den Freiheitsbriefen setzte sich die Reformation auf der Land- schaft nur schleppend fort. So drohte der Rat dem Priester von Kilchberg mit dessen Absetzung, wenn er nicht die Messe und das Halten der Jahrzeiten – beides hatte er abgeschafft – wieder einführe.
Seit 1522 wirkte in der Stadt Basel Johannes Oekolampad sehr segensreich, zunächst als Korrektor in einer Druckerei, dann als Lehrer der Universiät, als Pfarrer zu St. Martin und schliesslich als Pfarrer und Antistes (Pfarrer am Münster, Vorsitzender der Synode, Vertreter der Kirche nach aussen). Er sandte, nachdem er für die Landschaft eine Visitation angeordnet hatte, im Herbst 1528 einen Hirtenbrief an die reformgesinnten Pfarrer der Landschaft.
Ebenfalls im Jahr 1528 kam es auf der Landschaft zu Bilderstürmen in den Kirchen. Es waren im Gegensatz zu andern Orten nicht spontane Aktionen, sondern aufgrund von Gemeindeversammlungsbeschlüssen wurden die Bilder übertüncht oder zerstört, Hei- ligenstatuen entfernt und teilweise verbrannt, die Altäre geplündert. Immer deutlicher zeichnete sich die Wendung zur Reformation ab.
Und 1529 war es dann soweit: Am 9. Februar 1529 versammelten sich Tausende auf dem Basler Marktplatz vor dem Rathaus und verlangten vor allem die Absetzung der altgläubigen Ratsmitglieder. Der Rat, «übermeistert vom Volk», gab schliesslich nach. Damit war für Stadt und Landschaft Basel die Reformation Tatsache. Und bereits am 1. April 1529 wurde eine Reformationsordnung erlassen, die sowohl Kirchenordnung als auch Sittenmandat war.
Musik 1526/2026
Musik - 1526 / 2026
Save the Date: Am 31. Oktober 2026 findet der Baselbieter Singtag statt.
Das neunte Themenjahr der Dodekade zum Reformationsjubiläum im Baselbiet über zwölf Jahre widmet sich der Musik.
Auf das Osterfest 1526 erlaubte sich Oekolampad in seiner Kirche (Martinskirche) den deutschen Kirchengesang einzuführen, «welches einen ausserordentlichen Eindruck auf die Freunde des Evangeliums machte, die sich darüber der Freudenthränen nicht enthalten konnten». (Markus Lutz, 1814)
In Basel wurde damit der Grundstein einer Musikkultur vom Gemeindegesang bis zur Hausmusik gelegt.
Mögliche Einzelthemen:
- Gemeindegesang
- Psalterbereimungen
- Dichter und Komponisten beider Basel
- Obrigkeitliche Mandate betreffend Musik und Tanz
Schauplätze 1525/2025
Schauplätze der Reformation - 1525 / 2025
Das achte Themenjahr der Dodekade zum Reformationsjubiläum im Baselbiet über zwölf Jahre widmet sich den historischen Schauplätzen der kirchlichen Erneuerungsbewegung bei uns.
Das Thema bietet zahlreiche Möglichkeiten, um die lokale Kirchengeschichte zu beleuchten, da jedes einzelne Kirchengebäude ein Schauplatz für die kirchliche Erneuerungsbewegung war.
So feiern zum Beispiel zwei Gemeinden in diesem Jahr zwei ganz unterschiedliche Jubiläen: Während Ziefen mit Arboldswil an Ostern bereits das 500-jährige Reformationsjubiläum feiern konnte, wird Mitte Juni in Sissach die «altgläubige» Weihe der heutigen Kirche gefeiert.
Aber auch sogenannt abgegangene Kirchen, die verschwunden sind und von denen also nichts mehr sichtbar ist, und säkularisierte Kirchen und Kapellen sind historische Schauplätze der Reformation.
So wurden etwa die Verenakapelle in Lampenberg oder die Martinskapelle in Wittinsburg nach der Reformation zu Wohnhäusern umgebaut. Sie stechen bis heute aus dem Ortsbild heraus, da sie nach Osten ausgerichtet oft etwas schräg in den Häuserzeilen liegen.
Auf ehemaligen Kirchgangs-Wegen, so auch zu abgegangenen Kirchen wie etwa von Reigoldswil nach Sankt Romai (St. Remigius), kann heute auf einer Wanderung Baselbieter Reformationsgeschichte erlebt werden. Viele dieser Wege sind noch vorhanden und können dank der Flurnamen-Karten neu entdeckt werden.
Die Kirche St. Remigius in Lauwil in einer Rekonstruktion von Peter Suter nach den Befunden der Grabung von 1952. Bild Privatbesitz RS
Frauen 1524/2024
Reformation und Frauen - 1524 / 2024
Erleben Sie einen einmaligen, 50-minütigen Stadtrundgang durch Liestal. Entdecken Sie besondere Orte im Stedtli ganz neu und erfahren Sie mehr über die Reformation und ihre Folgen. Machen Sie sich – gemeinsam mit Freund:innen, ihrer Familie oder alleine – auf die Spur von klugen Nonnen & mutigen Pfarrerinnen, von aktiven Freiwilligen & der modernen Reformierten Kirche. Anhand der einzelnen Audiodateien und mit Hilfe des Stadtplanes können Sie die 6 Posten ganz individuell – zu jeder Tages- und Nachtzeit – besuchen.
Sprache 1523/2023
Reformation und Sprache - 1523 / 2023
Themenjahr 2023: «Sprache und Reformation»
Die Volkssprache hatte für die Reformations-Gestalten eine zentrale Bedeutung. In Basel beginnt Oekolampad mit seinen Jesaja-Vorlesungen, auch in deutscher Sprache. Während seines Aufenthalts auf der Wartburg übersetzt Luther in nur elf Wochen das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche. Es erscheint 1522 als die sogenannte «Septemberbibel» im Druck. Philipp Melanchthon hatte die ganze Ausgabe noch einmal mit Luther durchgesehen, da er das Griechische besser beherrschte als Luther. Die Ausgabe, die in 3000 Exemplaren herausgekommen war, war innerhalb von drei Monaten ausverkauft, sodass im Dezember 1522 schon eine 2. Auflage erschien. Luthers deutsche Übersetzung des Neuen Testaments wird beim Verleger Adam Petri in Basel gedruckt, illustriert von Hans Holbein d. J. Viele Wörter des Lutherdeutschen, eigentlich die sächsisch-fränkische Kanzleisprache, sind für unsere Vorfahren unverständlich, und Adam Petri stellt dem Druck ein Glossar voran. «Dem Volk aufs Maul schauen» war Luthers Motto – Maul war damals der normale Ausdruck für Mund. Gemeint war: So reden und schreiben, dass dich jeder versteht. Und nicht – wie das Zitat heute oft missinterpretiert wird – dem Volk nach dem Mund reden, also die mehrheitlich vorherrschende Gesinnung übernehmen. Zürich hingegen ersetzt die fremden Wörter durch oberdeutsche Begriffe.
Markus B. Christ
Das Deutsch der Lutherbibel wurde in der Basler Kirche bald zur «Sonntagssprache». An eine Übersetzung in unsere Baselbieter Mundart wagte sich erst in den 1930er-Jahren der Bauerndichter Hans Gysin, genannt Metzger-Hans (1882–1969) aus Oltingen. Mit theologischer Hilfe der beiden Pfarrer Karl Sandreuter in Frenkendorf und Jacques Senn in Waldenburg übersetzte Gysin eine Auswahl der bekanntesten Texte aus dem Neuen Testament. Der «Bibelhilfsverein Baselland» (die heutige Bibelgesellschaft) veröffentlichte diese schliesslich unter dem Titel «Dr guet Bricht». Auf Weihnachten 1939 erschien ein Heftchen mit einer kleinen Auswahl von Texten, auf Ostern 1940 schliesslich das Buch.
Remigius Suter
Ordnung 1522/2022
Reformation und Ordnung - 1522 / 2022
Für das Jahr 2022 lautet der Titel: «ORDNUNG UND REFORMATION»1529 Basler Reformationsordnung
- 1529 Basler Reformationsordnung
- 1956 Baselbieter Kirchenordnung
- 2022 Neue Baselbieter Kirchenordnung
Wie hat sich Kirche und wie hat sich Ordnung verändert?
Gemeinsam ein Säuli essen – vor 500 Jahren Das Fastengebot, welches besagt, dass während der Passionszeit vom Aschermittwoch bis zum Karsamstag kein Fleisch gegessen werden dürfe, wurde auch im alten Basel hochgehalten. Natürlich kam es da und dort – oft zu heimlichen – Übertretungen dieses Gebots. In den Jahren, da sich eine Reform der Kirche und ihren Vorschriften anbahnte, kam es auch zu öffentlichen Übertretungen. So versammelten sich in Zürich beim Buchdrucker Froschauer evangelisch gesinnte Männer zu einem Wurstessen. Zwingli selber war ebenfalls anwesend, ass aber keine Wurst.
In Basel war das herausragende Ereignis am Palmsonntag, 13. April 1522, der Spanferkelschmaus im Klybeckschlösschen. Geladen waren Priester, Studenten und humanistisch gesinnte Laien. Die Geistlichen betonten dabei, sie hätten kein Gebot übertreten, sondern nur die einem Christenmenschen zustehende evangelische Freiheit in Anspruch genommen. Die Festteilnehmer betrachteten das Brechen des Fastengebots bewusst als eine Provokation, die gleichsam nach einer Stellungnahme rief. Erasmus von Rotterdam war der erste. Er äusserte sich sehr kritisch zur geltenden Fastenordnung. Gleichzeitig verurteilte er das Spanferkelessen am Palmsonntag als eine willkürliche Ausserkraftsetzung kirchlicher Vorschriften. Der Bischof von Basel, seit der Einsetzung eines Bürgermeisters im Jahr 1521 ohne Berechtigung, sich in politische Fragen einzumischen, machte von seinem geistlichen Weisungsrecht Gebrauch und warf den Geistlichen vor, die Ordnung der Kirche zu vernichten und daher Aufruhr zu wecken.
Abgehalten wurde dieses Mahl im Klybeckschlösschen. Die erste schriftliche Erwähnung als Weiherhaus fällt in das Jahr 1438. Eine herausragende Gestalt auf Schloss Klybeck war Simon von Aug, genannt Steinschneider. Er besass das Schloss ab 1513 und inszenierte als Freund reformierter Ideen zu Palmsonntag 1522 den besagten Spanferkelschmaus.
Neben dem reformiert gesonnenen Spitalgeistlichen nahmen auch der Kaplan von St.Martin, Bonifatz Wolfahrt, und der westfälische Humanist Hermann von dem Busche an dem Mahl teil. Wissenburg und Wolfahrt sorgten damals als Dozenten an der Universität Basel für Unruhe, weil sie energisch Reformen und einen Rektor nach ihrem Willen forderten. Die illustre Gesellschaft schuf den perfekten Skandal. Das Spanferkelessen warf dermassen hohe Wellen in Basel, dass der Gastgeber und Schlossherr vermutlich wegen des Aufsehens die Stadt Basel schon bald danach verliess und Klybeck verkaufte. Steinschneider fuhr allerdings fort die Ideen der Reformation zu verfechten. Er geriet bei einer Reise durch das Elsass in die Hände der katholischen Geistlichkeit. Angeklagt der Blasphemie wider die Sakramente und der Jungfrau Maria, wurde er am 22. Februar 1523 in Ensisheim gevierteilt und verbrannt.
Später war das Schlösschen (Klybeckstrasse 248) zwischen Wohnblöcken und Fabrikationsbauten der Chemie bereits zum Fremdkörper geworden, als man es im Jahr 1955 abriss. Nur die heutige Schlossgasse erinnert noch an das einstige Schlösschen Klybeck.
(Quellen: Carl Roth, Beitrag «Schloss Klybeck», publiziert im Basler Jahrbuch 1911, Basel, 1910, Seiten 137-156. Dort auch weitere Literaturangaben. Werner Meyer, Beitrag «Klybeck», Abschnitt "Basel-Stadt", publiziert in Burgen von A bis Z - Burgenlexikon der Regio, Basel, 1981. Rudolf Wackernagel, Abschnitt «Klybeck – Sisgau», in Kapitel 2 Territorium, publiziert in Geschichte der Stadt Basel, Band 3, Basel, 1924.)
Rückblick Fastenbrechen vom 13. April 2022 in Maisprach
Bildung 1521/2021
Reformation und Bildung - 1521 / 2021
Das Dodekadenjahr zum Reformationsjubiläum ist 2021 dem Thema Bildung gewidmet.
Ein Blick zurück… Volkssprache als Zugang zur Bibel Heute ist es selbstverständlich, die Bibel in der eigenen Muttersprache zu lesen. Bis zur Reformation ist das anders: Der Gottesdienst und die Schriftlesungen werden auf Latein abgehalten – alle Sprachunkundigen verstehen nichts. Den Reformatoren ist es ein zentrales Anliegen, allen Menschen die Bibel in ihrer Sprache zugänglich zu machen: Sie fertigen deswegen Bibelübersetzungen an. Neben der Lutherübersetzung entsteht zeitgleich die Zürcher Bibel. Den humanistisch gebildeten Reformatoren ist eine originalgetreue Wiedergabe des Textes wichtig. Deswegen übersetzen sie die Bibel nicht aus der Vulgata, der verbreiteten lateinischen Übertragung (Zeile 1 im Bild), sondern aus den biblischen Sprachen. Auf dem Bild ist Luthers Übersetzung des ersten Verses des griechischen Johannesevangeliums zu lesen (Zeile 2 und 3).
Mit der ersten evangelischen Predigt Wilhelm Röublis in der St. Albankirche beginnen 1521 in Basel die Wortgottesdienste und damit die reformatorische Bildung des Volkes. Die Menschen müssen lernen, was es heisst, «reformierter Christ» / «reformierte Christin» zu sein. Hierzu werden später Agenden, Bekenntnisse und Katechismen verfasst.
Und heute: Auch heute ist dies noch eine Herausforderung. Wir müssen für uns immer wieder neu – selber denkend – buchstabieren und reflektieren, was es heisst im 21. Jahrhundert «reformierter Christ» / «reformierte Christin» zu sein.
Das Themenjahr 2021 lud uns ein, dieser Frage nachzugehen… Die Digitalisierung durchdringt unseren Alltag. Die Corona-Krise hat der digitalen Bildung einen wichtigen Schub gegeben. So denken wir über digitale Bildung im Kontext der reformierten Kirchen ganz anders nach als noch vor einem Jahr. Ganz gemäss dem «semper reformanda» sind wir eingeladen, von den Vorteilen der digitalen Bildung Gebrauch zu machen und damit spannende Diskussionen zu führen, unsere «reformierten Herzensanliegen» in ganz neue Kontexte zu stellen und vielen Leuten zugänglich zu machen.
Freiheit 1520/2020
Reformation und Freiheit - 1520 / 2020
Die erste vollständige Bibelübersetzung von Martin Luther 1534, Druck Hans Lufft in Wittenberg, Titelholzschnitt von Meister MS. (©Torsten Schleese, Public domain, via Wikimedia Commons)
Von der Freiheit
eines Christenmenschen
Das ist der Titel einer der drei grossen reformatorischen
Schriften Martin Luthers aus dem Jahre 1520.
Er verfasste auch eine lateinische Variante ("De libertate
christiana"). Diese schickte er dem Papst Leo X. in Rom zu, verbunden mit
einer dem Heiligen Vater gewidmeten kleinen Schrift. Bereits war die offizielle
Erklärung unterwegs, die Kirche werde den unbotmässigen Mönch ausschliessen.
Darum war Luther gebeten worden, eine Art Versöhnungsbrief an den Papst zu
schreiben. Eine Versöhnung kam bekanntlich nicht zustande.
Wenn wir heute das Wort "Freiheit" hören, denken wir vermutlich an Freiheit als Menschenrecht: politische Freiheit, Religionsfreiheit, persönliche Freiheit. Dem Reformator geht es um die christliche Freiheit. Sie steht im Zentrum des christlichen Lebens. Luther beginnt mit einer paradoxen Aussage: «Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.» «Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.» Ein Widerspruch? Luther führt dazu an, dass wir eine geistliche und eine leibliche (physische) Natur haben. Der innere Mensch glaubt an Gott und schöpft daraus seine Zuversicht. Und wenn er wirklich glaubt, dann wird ihm die Freiheit durch die Gnade Gottes zuteil. Der äussere Mensch kann noch so viele "gute Werke" tun – Almosen geben, Fasten, Beten, Ablass kaufen und vieles andere mehr – das allein bringt ihn doch nicht Gott näher. Nichts, keine menschliche Tat kann frei sein, von dem was Luther Sünde ("böse Begierde") nennt. So gesehen ist die christliche Freiheit zunächst eine Befreiung vom religiösen Leistungsdruck.
Der Christ lebt nun freilich nicht nur in einer Beziehung zu Gott, sondern auch in der Welt mit seinen Mitmenschen, seinem Beruf, seiner Verantwortung und den Ordnungen in Kirche und Staat. Hier wird sich seine Freiheit bewähren, wenn er anderen Menschen dient und nützlich ist. Und dabei «geht der Glaube mit Lust und Liebe ins Werk.» Und darum: «Ich rate dir aber: Willst du etwas stiften, beten, fasten, so tu es nicht in der Absicht, dass du dir etwas Gutes tun willst, sondern gib es frei weg, so dass andere Leute es geniessen können, und tu es ihnen zuliebe, dann bist du ein rechter Christ.» Die Freiheit bewährt sich in der Nächstenliebe.
Dabei geht es dem Reformator nicht um das Demonstrieren der eigenen individuellen Freiheit. Zwar erlaubt das Evangelium ein freies Urteil darüber, was im kirchlichen Leben bloss menschliches Gesetz war, also keineswegs um des Heils willen verbindlich sein konnte. Luther warnt aber davor, alle kirchlichen Gebräuche unbesehen abzuschaffen oder sich ihnen kurzerhand zu entziehen. Im christlichen Gemeinschaftsleben müsse sich die Liebe in der Praxis bewähren. Und wenn etwas nicht mehr als heilsnotwendig geboten sei, könne es doch nützlich sein.
Wenn Luther über die christliche Freiheit schreibt, dann geht es vor allem um die Gewissheit des Glaubens, um das rechte Verhältnis vom Glauben und Handeln. Die politische und soziale Freiheit von Menschen kommt dabei kaum in den Blick. Zwar sah Luther die Unterdrückung und Ausbeutung der Bauern (die oft noch Leibeigene waren) durchaus. Er konnte auch die Fürsten harsch kritisieren. Aber dass die Bauern teilweise unter Berufung auf ihn und seine Schriften für ihre Freiheit und ihr Recht kämpften, konnte er nicht billigen. Sein Argument (im Bauernkrieg) war: Christus sei am Kreuz gestorben zur Erlösung der Menschen von ihren Sünden, nicht aber von ihrer Leibeigenschaft.
Mit seiner Schrift hat Luther einen wesentlichen Beitrag
geleistet zur Klärung der Frage: was ist christliche Freiheit? Die Diskussion
musste weiter gehen. Viele andere haben dem mit ihren Schriften und ihren
Kämpfen wichtige neue Aspekte zugefügt.
Pfarrer Reiner Jansen
Eidgenossenschaft 1519/2019
Reformation und Eidgenossenschaft - 1519 / 2019
Im Rahmen der Dodekade der reformierten Baselbieter Kirche zur Reformation widmete sich das Jahr 2019 der Eidgenossenschaft. Wichtige Themen sind u.a.:
- Am 1. Januar 1519 beginnt Zwingli am Grossmünster zu predigen. Er hält sich dabei nicht an die vorgegebene Ordnung biblischer Texte für den Messgottesdienst, sondern legt das Matthäusevangelium Kapitel für Kapitel aus («lectio continua»). Schon vorher hat er sich gegen die Reisläuferei gewandt (Schweizer in fremden Kriegsdiensten). Er sucht den Kontakt zum Rat der Stadt Zürich und setzt sich für soziale Anliegen («Mushafen») ein. Zusammen mit einem Kreis von Theologen erarbeitet er eine eigenständige Bibelübersetzung (Zürcher Bibel genannt).
- Die Reformation in der Eidgenossenschaft nimmt durch zahlreiche Reformatoren der ersten Generation (Oekolampad in Basel, Zwingli in Zürich, Haller in Bern u.a.m.) und ihren Nachfolgern (Bullinger, Zürich, Myconius, Basel, Calvin, Genf etc.) einen eigenen Weg: Anliegen der Reformation werden zusammen mit den örtlichen politischen Behörden zum Wohl der Bevölkerung umgesetzt. Anders als in Deutschland, wo der Thesenanschlag Luthers 1517 als herausragendes Zeichen zu einem klaren geschichtlichen Datum geworden ist, entwickeln sich in der Eidgenossenschaft die Ideen und Anliegen der Reformatoren eher prozesshaft. Nicht der Einzelne steht im Vordergrund, sondern das gemeinsame Erarbeiten neuer Erkenntnisse führt zu gesamtgesellschaftlichen Reformen.
- Eigenart der eidgenössischen Reformation: Die Städte als Zentren der Reformation beeinflussen das umliegende Land, und so werden einzelne Orte der Eidgenossenschaft reformiert (Zürich, Basel, Bern, Schaffhausen, St. Gallen), andere Orte bleiben katholisch (vor allem die Innerschweiz). Das führt im 16. Jahrhundert zu konfessionellen Auseinandersetzungen (Kappeler Kriege).
- Beziehung der Basler Kirchen zu anderen Städten (wie Zürich, Bern, Biel, Strasbourg, Mulhouse etc.): Dem Rat der Stadt Basel war es ein grosses Anliegen, über den Kreis der damaligen Eidgenossenschaft hinaus auch die Verbindungen zu Strasbourg (Capito und Bucer) weiterhin zu pflegen.
- Reformatoren der zweiten Generation: Myconius, Bullinger, Calvin ist es gelungen, die Reformideen nach Europa hinauszutragen, so z.B. nach Ungarn und nach Schottland. Die Eidgenossenschaft wird damit gleichsam zur «Wiege der europäischen Reformation».
- Die schweizerische Eigenart der Reformation ist nicht unwidersprochen geblieben (Auseinandersetzung zwischen Luther und Zwingli). Ein spezielles Kapitel ist der Umgang mit den Täufern.
Es lohnt sich, Fragestellungen der damaligen Zeit in der Eidgenossenschaft heute neu zu überdenken. Dazu dienen die im pdf angeführten Materialien (Homepage, Musical, Filme, Computerspiel, Bücher und Dokumentation).
-
«Immer diese Zwinglis!»
Vor 500 Jahren wirkte der Reformator Huldrych Zwingli in Zürich. Aber was geschah damals wirklich? Der Animationsfilm «Immer diese Zwinglis» erzählt Zwinglis Geschichte aus der Perspektive seiner Kinder.
«Immer diese Zwinglis!» Ein Animationsfilm von Kati Rickenbach
Anlässlich des Reformationsjubiläums erschien ein Animationsfilm, der über das Leben und Wirken von Huldrych Zwingli aus der Perspektive seiner Kinder erzählt – humorvoll, nachdenklich, informativ. Ein Film für Kinder und Jugendliche und Junggebliebene.Huldrych Zwingli hat zweifelsohne viel bewegt. Doch was genau? Der Animationsfilm «Immer diese Zwinglis!» klärt auf, ohne zu belehren. Er versetzt seine Zuschauerinnen und Zuschauer zurück ins spätmittelalterliche Zürich und vermittelt humorvoll und alltagsnah Basiswissen zum Leben und Schaffen des Zürcher Reformers.
Die Filmstory
«Vater wollte die Gesellschaft erneuern. Er wollte sie reformieren. Er hat gesagt, was ihm nicht passt» – begeistert erzählt die 14-jährige Regula ihren Brüdern Ueli und Wilhelm von den Taten ihres Vaters Huldrych Zwingli. Die drei Zwingli-Kinder sind im Gottesdienst im Zürcher Grossmünster. Sie langweilen sich während der Predigt. Doch ihr Gespräch stört die gottesdienstliche Andacht. Schliesslich fliegen die drei Störenfriede in hohem Bogen raus. «Immer diese Zwinglis!», ruft man ihnen hinterher.Der Film versetzt zurück in das Jahr 1538 – sieben Jahre sind seit dem Tod des Zürcher Reformators auf dem Schlachtfeld von Kappel vergangen. Regula, Wilhelm und der kleine Ueli begeben sich in Zürich auf Spurensuche. Sie treffen auf Leute, die ihren Vater gekannt haben, und stellen viele Fragen: Wer war unser Vater? Was war ihm wichtig? Und warum starb er ausgerechnet in einem Glaubenskrieg, wo er doch gegen die Ausübung von Gewalt gepredigt hatte? Rückblenden zeigen das Leben und Wirken des Vaters. Und die Kinder erkennen, dass er ein Mensch mit Licht- und Schattenseiten war.
Die Idee
Die Idee, die Zwingli-Kinder als Identifikationsfiguren einzusetzen, stammt von Dorothea Meyer-Liedholz (Reformierte Kirche Zürich) und der bekannten Zürcher Comic-Zeichnerin Kati Rickenbach. Zusammen mit der Trickfilmerin und Produzentin Franziska Meyer (Brunner & Meyer) erweckten sie die Figuren zum Leben. «Die Zwingli - Kinder denken, sprechen und verhalten sich wie Kinder von heute, sind gern mal zu Streichen aufgelegt und zeigen auch Zivilcourage», so Meyer-Liedholz. Grundlage des Films ist der Comic «Mit vollem Einsatz», den Kati Rickenbach und Dorothea Meyer-Liedholz vor einigen Jahren herausgebracht haben. «Es geht uns in dem Film vor allem darum, auf unterhaltsame Weise niederschwellige Informationen zur Zürcher Reformation zu vermitteln – das Ganze verpackt in eine Story, die Kinder und Jugendliche ab zehn Jahren anspricht. Dabei haben wir versucht, thematische Brücken zur heutigen Zeit zu schlagen, etwa zu den Themen Mut und Solidarität», ergänzt Meyer-Liedholz.Lesen Sie die ausführliche Pressemitteilung
Mehr Informationen zum Film und einiges Bildmaterial finden Sie unter:
www.immerdiesezwinglis.chDer Animationsfilm «Immer diese Zwinglis!» auf YouTube
Quelle: © Evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich / Kati Rickenbach / Brunner&Meyer, Zürich
-
Blick zurück: Das Eidgenössische Reformationsjubiläum 1819
Das „Zwingli-Jahr“ wurde 1719 zum ersten Mal als Eidgenössisches Reformationsjubiläum bestimmt. Diese Feier hatte anscheinend eine nachhaltige Wirkung, denn 100 Jahre später wurde die „Dritte Säkular-Feyer“ wieder gemeinsam begangen. Im Kirchenbuch Reigoldswil finden wir folgenden Eintrag des damaligen Pfarrers Carl Ulrich Stückelberger:
Reformations-Jubilaeum am 3ten Januar 1819 Nachdem im Jahr 1818 vielfältig der Wunsch ausgesprochen worden war, daß in den ersten Tagen des kommenden Jahres, wie im Jahre 1719 das Jubiläum der Kirchen-Reformation unseres Kantons gefeiert werden möchte, und dieser Gegenstand auch an den Kapitelssitzungen der Stadt- und Landgeistlichkeit behandelt worden war, erließ unterm 26ten October 1818 S: Hochwürden Herr Antistes Falkeisen ein Umlaufschreiben an die Herren Dekane zu Handen der Kapitel, dies zu halten: Ueber das, am 3. Jan. 1819 laut Erkenntniß unsrer väterlichen Obrigkeit, zur Wiedergedächtniß der Einführung der Reformation unserer Kirche zu haltende Dankfest, seyen einstweilen folgende Verfügungen getroffen worden:
- Es solle ohne allen Prunk und Kontroversen, als den jetzigen Zeiten nicht anpassend, gefeyert werden.
- Man solle sich bestreben, die vorzüglichsten und wesentlichsten Vortheile der Reformation für die Geistliche Kirche überhaupt, selbst für die katholische, auszuheben.
- Es soll eine kurze Geschichte der Baselschen Reformation gedruckt und in allen Gemeinen zu Stadt und Land verbreitet werden.
- Es sollen ferner Gebete zum Gebrauch beym öffentlichen Gottesdienst am Reformationsfeste gedruckt werden.
- Auch werde man für ein, zu demselben passendes Lied sorgen.
- In den Landkirchen sollen 2 Gottesdienste gehalten werden; des Morgens eine Predigt. Für die Morgenpredigt hat das Stadt-Ministerium folgende 3 Texte zur Auswahl vorgeschlagen: - Röm. 1, 16. „Ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht“ pp - 1 Petr. 3, 15. „Seyd allerzeit bereit zur Verantwortung“ pp - Apoc. 3, 11. „Halte was du hast, daß Niemand“ pp
- Der Nachmittagsgottesdienst soll vornämlich für die Jugend eingerichtet werden; alle Kinder der Pfarrgemeine sollen dazu angehalten werden; es steht frey, eine festliche Rede an sie, oder eine Kinderlehre zu halten. – Nicht unschicklich wäre, wenn Bibeln, Neue Testamente und die Reformationsgeschichte unter die sittsamsten und fleissigsten verteilt würden.
- Für die Nachmittagspredigten in der Stadtgemeine sind folgende 3 Texte zur Auswahl vorgeschlagen worden: - Col. 2, 6.7. „Wie ihr nun angenommen habt den Herrn Christum Jesum“ pp - 1 Kor. 16, 13.14. „Wachet, stehet im Glauben, seyd männlich“ pp - Joh. 17, 17. „Heilige sie in Deiner Wahrheit“ pp (Das Fest für die Jugend ward in der Stadt Sonntags den 10ten Jan. begangen. —)
Es folgt dann eine Beschreibung der Feier in Reigoldswil sowie eine Liste sämtlicher daran beteiligten Kinder.
Die komplette Transkription mit Anmerkungen der Feier in Reigoldswil können Sie in diesem pdf nachlesen: Reformationsjubiläum 1819
Pfarrer Markus Lutz aus Läufelfingen hat zum Sekular-Fest der Schweizerischen Kirchen-Reformation zu Titus, 2,1 «Du aber rede, wie sich’s ziemet, nach der heilsamen Lehre» gepredigt. Diese wurde 1819 von der Schweighauser’schen Buchdruckerey gedruckt und 2014 von Remigius Suter vollständig transkribiert:
Predigt M. Lutz
Medien 1518/2018
Reformation und Medien - 1518 / 2018
Im
Rahmen der Dodekade der reformierten Baselbieter Kirche zur
Reformation ist 2018 das Medienjahr. Die Erfindung des Buchdrucks war
gleichsam eine Medienrevolution. Die kirchliche Reformbewegung machte
sich diese neue Form der Verbreitung von Schriften bald zu eigen: So
werden in Basel ab 1518 die Schriften Luthers und Oekolampads gedruckt.
Froben, Petri und Cratander sind dabei die führenden Namen.
Das weltweite Reformationsjubiläum hat heute weit mehr mediale
Möglichkeiten. Medien werden nicht nur für Schrift und Sprache genutzt:
In Büchern, Zeitschriften und Zeitungen. Auch für Ohr und Auge haben sie
eine Bedeutung: Radio, Film und Fernsehen sind heute den meisten
Menschen zugänglich. Hinzu kommen neuerdings auch die sogenannten
‘social media’, wie Internet, Facebook, Twitter, Instagram oder
WhatsApp.
Die Kirchen sind durch all diese verschiedenen Medien gefordert. Wie
sollen sie genutzt werden? Einerseits gehört das Erleben von
Gemeinschaft wesensmässig zur Kirche, andrerseits werden viele Medien
sehr individuell benützt. Die Reformation hat sich den damaligen
technischen Fortschritt sofort für das Weitergeben der Botschaft zu
eigen gemacht – wie sieht das 500 Jahre später in der heutigen
Medienlandschaft aus? Solchen Fragen kann in den Kirchgemeinden im
Konfirmandenunterricht, aber auch bei Veranstaltungen für Erwachsene
nachgegangen werden.
Filme und Dokumentationen zum Thema Reformation finden Sie im untenstehenden PDF-Dokument.